Rituelle Gesten verstehen und missverstehen


Die Mano cornuta in verscheidenen SituationenRituelle Gesten begleiten unser Leben. Wir nutzen sie oft, ohne, dass es uns bewusst ist, dass es eine solche ist. Die bekannteste ist wohl der Handschlag, der – verweigert – Unmut, Zorn, ja Aggression herauf beschwören kann, oder – gewährt - Versöhnung und Freundschaft zu fördern befähigt ist. Rituelle Gesten sind gelebte Symbole. Wir erkennen mit Ihnen soziale Gemeinschaften, ähnliche geistige Gesinnungen, ja, auch geheime Botschaften.
Rituelle Gesten sind also wichtig, für das Ritual, aber auch für den Alltag. Allzuleicht aber missverstehen wir sie auch. Da rituelle Gesten in verschiedenen sozialen und rituellen Gemeinschaften durchaus unterschiedlich eingesetzt werden. Das Ausspucken zum Beispiel wird in unserer Kultur als eine Geste der Mißachtung interpretiert, in China gilt es als „normal" und „gesund", weshalb auch in Hotels Spucknäpfe aufgestellt werden. Auch in Indien wird gewöhnlich das Ausspucken nicht als negativ interpretiert. Hier bedeutet Kopfschütteln übrigens auch Zustimmung!
Viel zu schnell und voreilig interpretieren wir Gesten gerne im eigenen sozial-rituellen Kontext und setzen den Gegenüber damit in ein bestimmtes Gesinnungsumfeld, zu dem er wohlmöglich gar nicht gehört. Als Beispiel soll uns die „Mano cornuta", die „gehörnte Hand" dienen:

Die Mano cornuta ist eine Geste, bei der eine Faust gebildet, kleiner Finger und Zeigefinger aber ausgestreckt werden. Im Buddhismus ist diese rituelle Geste ein heiliges Mudra, das in Tibet als „Karam" bezeichnet wird. Sie dient dazu, böse Geister zu vertreiben und dadurch den Geist für die Meditation frei zu halten. Die „Hörner" der rituellen Hand sind Symbole eines Yaks, also eines heiligen Tieres. In Indien ist die Gestik als Apan Mudra bekannt.
Die gleiche Geste wird – noch sehr ähnlich in seiner rituellen Verwendung – zur magischen Abwehr des bösen Blicks v.a. in Südeuropa eingesetzt. Gleichzeitig ist es hier bereits in seiner Ambivalenz ein Symbol der Untreue. Die „Corna" über dem Kopf bezichtigen der Untreue (der „gehörnte" Ehemann).
In satanisch ausgerichteten Gruppierungen wird die gleiche symbolische Geste zur „Teufelshand" und in der Metal-Szene wird sie etwas veralbernd in Deutschland als „Pommesgabel" bezeichnet. Wie sie dort Einzug gehalten hat, ist stark umstritten. Manche leiten es von der schwarzmagischen Affinität der Szene her, andere aus dem Brauchtum, wieder andere erkennen die Geste schon bei frühen Rockmusikern wie z.B. John Lennon und Elvis Presley.
Bei der American Football-Mannschaft Texas Longhorns dagegen gehört die Geste zum Erkennungszeichen der Fan-Gesinnung.

Eine Geste, viele verschiedene soziale Gruppen, divergierende Bedeutungen. Wenn wir nun einen amerikanischen Präsidenten wie G.W. Bush mit dieser Geste sehen, müssen wir den Kontext verstehen. Als Texaner ist ein Bezug zur Footballmannschaft am wahrscheinlichsten. Auch irritierende Bilder von Bischöfen und Päpsten, die die rituelle Gestik der Marno cornuta zeigen, kreisen durch Internet. „Natürlich" eine satanische Geste! Oder spiegelt unsere Interpretation vielleicht auch unsere Ängste und Weltbild wieder? Natürlich. Immer.

Gerade bei aus dem Kontext gerissenen Bildern sollten wir achtsam sein. In welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Was war das Ereignis? In welchem sozialen Umfeld fand es statt?
So wie Gestalten mit Hörnern für tief im christlichen Glauben Verwurzelte unumstößlich für den Teufel stehen, steht die Mano cornuta für Vertreter der Elitenverschwörung unwiderruflich für den Satanismus dieser Gruppierung. Da wird man wenig dran rütteln können. Alle anderen, die es schaffen, ihren Geist zu öffnen und mit offenem Herzen auf andere zuzugehen, mag dies ein Impuls sein, andere Perspektiven für die Deutung ritueller Gesten einzunehmen, anstatt ein Schnellurteil zu fällen.

 

 

Bild © Stefan Brönnle (Vorlagen z.T. fotolia)


Kommentare (2)

  1. Angelika Westphal:
    14.12.2017 18:41

    Die Geste auf dem Bild vom Papst hat nichts mit den Beschreibungen im Artikel zu tun. In dem Artikel werden radikal Äpfel mit Birnen verwechselt. Die Geste, die der Papst hier ausführt ist das gebärdensprachliche "ich liebe Dich". Die Handhaltung des Helmträgers hat auch nur noch entfernt Ähnlichkeit mit dem indischen Mudra. Beide Handhaltung haben nichts miteinander zu tun.

  2. Stefan Brönnle:
    15.12.2017 10:12

    Der Artikel geht darum, dass Gesten unterschiedlich interpretiert werden können. Die Gebärdensprache ist nur eine weitere Interpretation. Nirgends steht, dass sich alles vom Mudra ableitet. Insofern verstehe ich die Kritik nicht. Es gibt viele Bilder im Netz, bei denen Bischöfe (z.B.) diese Gestik zeigen. Meine Aussage ist: Es kommt auf den Kontext an, was das meint. Insofern stimmen wir doch vollkommen überein?!
    https://zombiewoodproductions.files.wordpress.com/2013/04/pope_ratzinger_handsign2-20-09.jpg
    https://www.news.at/_storage/asset/3099859/storage/preview/file/30204274/pope-benedict-xvi-holds-his-final-general-audience-before-his-retirement.jpg
    Das Bild oben ist eine allgemeine Illustration. Die Mano cornuta nur ein Beispiel, wie Gesten missinterpretiert werden können. Insofern: Ja, genau! Die Handhaltungen HABEN NICHTS mit einender zu tun. Genau meine Aussage

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