Im Kuppelgewölbe der Gnadenkapelle in Beuron ist eine sitzende Frau zu entdecken, deren Thron von zwei Löwen flankiert wird. Die Darstellung gleicht frappierend einer jungsteinzeitlichen Göttinnenfigurine aus Çatalhöyük in der Türkei. Die etwa 6000 v. Chr. entstandene Tonfigur zeigt eine üppige weibliche Gestalt auf einem Thron, der von zwei Leoparden oder Löwen flankiert wird. Nach den gängigsten Theorien stellt sie eine Art Muttergöttin dar, wobei die Löwen (oder Leoparden) Symbole ihrer Macht sind. Der Löwe ist mit der Sonne verbunden. Er steht damit gleichsam für die Quelle unseres Seins und das Bewusstsein an sich. Wenn die Löwen den Thron flankieren, dann ist dies ein deutliches Symbol dafür, dass die weibliche Gestalt, deren Namen in der Geschichte verloren ging, Herrin über das Leben, ja das Bewusstsein darstellt. Die Tiere fungieren als göttliche Beschützer und unterstreichen die Verehrung der Frau als lebens- und bewusstseinsspendende Göttin.
Die große Ähnlichkeit der Gestalt im Gewölbe von Beuron nun muss alleine schon wegen der symbolischen Fortentwicklung als Maria interpretiert werden, der im Christentum als Frau die höchste Verehrung zukommt. Dennoch ist diese Darstellung Marien ungewöhnlich. Im Gewölbe der Gnadenkapelle ist Maria überpräsent. Zudem wird sie als „Stella maris“, als „Stern des Meeres“ benannt, als Morgenstern und mit Sonne und Mond verglichen. Die thronende Position Mariens, flankiert von den Löwen, lässt darum auch hier Maria als ein Wesen höchster Macht, als Fruchtbarkeitsspenderin und Bewusstseinsktraft erscheinen.
In ihrer christlichen Version stellt die thronende, löwenflankierte „Göttin“ den theologischen Bildtyp der Sedes sapientiae, des Sitzes der Weisheit, dar. Es ist gleichsam der Thron Salomos, dem Weisesten aller Weisen, auf dem sie sitzt (1. Könige 10).
Maria nimmt nun Platz auf diesem Sitz der Weisheit, so wie es in der
lauretanischen Litanei heißt: „ Du Sitz der Weisheit, bitte für uns“.
Somit wird Maria zur Weisheit Gottes, zur Sophia erhoben.
So bildet sich eine über 8000 Jahre anhaltende Symbolik, die die Weiblichkeit auf den Thron der Schöpfung setzt und gleichzeitig als Bewusstseinskraft dargestellt wird, die den Menschen erst zum Menschen macht.
Göttin-Maria-Sophia: Die thronende Weiblichkeit.
Bild Çatalhöyük: Gemeinfrei
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