Das Feuer der Seele


Frau im Brautkreit liegt auf einer Treppe und scheint von unten her zu verbrennenDas Feuer ist in der christlichen Kultur meist als Schmerzerfahrung bekannt, als Höllenerlebnis, das der Seele ewiges Leid beschert. Auch im Islam wird das Feuer als Jenseitserfahrung meist mit dem Leid der Hölle beschrieben. Doch das Feuer hat auch ganz andere Aspekte. Das mystische Feuer des Geistes und der Seele wird als Erlebnis der Verzückung beschrieben.

Feuer begleitet unsere Kultur. Feuer war wohl der erste fundamentale Akt der Nutzbarmachung elementarer Kräfte für den Menschen und so steht das Feuer am Beginn unserer Reise der Menschwerdung. Auch in den religiösen Kulten ist das Feuer fester Bestandteil, ob als Flamme der Kerze oder hochloderndes Oster-, Beltane- oder Sonnwendfeuer. Im Haus ging das Feuer niemals aus. Es war heilig und wurde nur an bestimmten Tagen rituell gelöscht, um danach neu entfacht zu werden. Schon bei den Sumerern war der Feuergott Nusku nicht nur ein Heilsgott, der mit Feuer die Lebenskraft der Menschen entfachte und Krankheiten verbrannte, er war auch der Beschützer der Familien und damit war ihm die häusliche Feuerstätte – der Herd – heilig.

Bei den Hindus wird seine Position durch Agni eingenommen. Auch ihm sind die häuslichen Herdfeuer und die sakralen Opferfeuer heilig. Zugleich bildet sein Feuer aber auch ein Portal ins Jenseits. Bei der Totenverbrennung zitiert der Priester: „Möge Agni dich dorthin bringen, wohin du gehen musst!" „O Agni! Wenn der Körper verbrannt ist, bring den Geist zu seinen Vorfahren!". Das Feuer bringt auch die Opfergaben zu den Göttern. Das Feuer ist unmittelbarer Kanal in das Jenseits. Der germanische Loki ist auch ein Gott des Feuers. Seine Tochter ist die Unterweltsgöttin Hel. Feuer und Jenseits gehörten auch hier zusammen.

Wenn man Opfergaben den Ahnen darbrachte, so mussten diese vom Diesseits ins Jenseits wechseln. Dazu musste ihre physische Hülle zerstört werden. Krüge wurden zerschlagen, Speisen und Gaben aus Holz wurden verbrannt. Noch heute werden in Asien die Gaben an die Ahnen dem Feuer übergeben.
Was in die eine Richtung wirkt, wirkt auch in die andere und so sendeten die Ahnen das Lebensfeuer, die Lebenskraft, die durch das innere Feuer in uns brennt. Dieses mystische innere Feuer ist die dynamische Lebenskraft, die alles Lebendige durchwirkt, der göttliche Funke, der in uns brennt. Es hält den Menschen und die Natur am Leben. Wechseln wir in das Jenseits so durchschreiten wir selbst das Feuer und die Seele erglüht.

Das Erglühen der Seele ist dabei alles andere als eine Höllenerfahrung. Selbst die Seraphim werden bei Dionysius Areopagita als „Entflammer" oder „Erglüher" bezeichnet und die christliche Heilige Teresa von Ávila erlebte die mystische Erfahrung, dass ein Engel sie mit einem Feuerpfeil zum Erglühen brachte – eine religiöse Verzückung.
In der Yoga-Tradition ist es die feurige Kundalini-Schlange, die zusammengerollt im Wurzelchakra schläft bis sie erweckt wird. Dann aber bewegt sie sich die Wirbelsäule hinauf und hinunter und erzeugt ein Feuer, das die Seele erfasst. In diesem mystischen Feuer der Lebens- und Geisteskraft werden Visionen erzeugt, die jenen Teresa von Ávila nicht unähnlich sind. Das erlebte Feuer ist eine spirituelle Trance, eine unmittelbare Erfahrung der Göttlichkeit. Diese Erfahrung wird nur wenigen Lebenden zuteil, doch in der Todeserfahrung ist das mystische Feuer, das Portal ins Jenseitsreich, das Lebensfeuer, das die Ahnen senden, fester Bestandteil des Erlebens. Auf Hawaii, bei dem Urvolk von Malekula, liegt das Jenseitsreich der Ahnen, das Totenland, auf dem Gipfel des großen Vulkans. Dort tanzen die Ahnen zwischen den Flammen. Was der christlichen Kultur als Höllenerfahrung erscheint, wird hier zum paradiesischen Zustand: Der Tanz der Seele im ewigen Feuer des Lebens und des Geistes als Zustand immerwährender Verzückung.

Feuerrituale holen diese Erfahrung ins Diesseits. Der Feuerlauf ist weit mehr als ein Motivations- und Selbsterfahrungsprozess für Manager. Rituell-spirituelle Feuerläufe sind feste Bestandteile der Traditionen in Malaisia, Bali, Japan, China, Fidschi, Tahiti, Neuseeland, ja sogar in Bulgarien und Spanien.
Das Überspringen des Beltanefeuers ist vor allem eine Seelenschwelle, ein ritueller Tod, der zu Heilung und Reinigung führt und so den Neuanfang einzuleiten imstande ist. Darum ist die Anrufung der Ahnen, die das Lebensfeuer bringen, fester Bestandteil der Feuerrituale. Das Seelenfeuer selbst ist das Portal in das Ahnenreich. Das Entzünden einer Kerze nutzt diesen inneren Funken, um ein solches Portal zu öffnen und den Segen ins Diesseits strömen zu lassen. Das Feuer: Ein Kanal zur eigenen Göttlichkeit.

 

 

Bild © Fernando Cortés/fotolia.com

 


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