Wenn die Gesetze Kopf stehen


Mann mach Kopfstand umschwebt von StaubKarneval, Fasching, Fastnacht; Menschen verkleiden sich und sind jemand ganz anderes. Der strenge Buchhalter wird ausgelassen, der schüchterne Nerd ein Superheld. Regeln und Gesetze gelten nicht. Politiker, die in Interviews respektvoll behandelt werden, werden in Umzügen gnadenlos durch den Kakao gezogen.

Wenn auch die Stellung im Jahr oft anders war, ist die Tradition, ein Fest zu feiern, dass die Strukturen und irdischen Gesetze umkehrt oder ad absurdum führt, sehr alt und eng mit der menschlichen Kultur verbunden:

Vor über 5000 Jahren feierte man in Mesopotamien nach Neujahr die symbolische göttliche Hochzeit. Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet." Die sozialen Gesetze und Standesunterschiede werden in dieser Zeit aufgehoben. Der Kosmos ordnet sich neu. In Ägypten wurden ähnliche Feste zu Ehren von Isis gefeiert und die Griechen kannten Apokries, was so viel heisst wie „Fleisch vorbei", während der Dionysien, der Feste für den Frühjahrs- und Rauschesgott Dionysos.
In Rom wurden zwischen dem 17. und 23. Dezember, also über die Wintersonnwende hinweg, die Saturnalien gefeiert. Saturn galt als Herrscher des Goldenen Zeitalters und das Datum seines Festes war mit dem Gründungsdatum des Saturntempels auf dem Forum Romanum verbunden. Auch während der Saturnalien waren Standesunterschiede aufgehoben. Als eine Art „Narrenkappe" wurden die pillei getragen, Filzkappen, die sonst nur von freigelassenen Sklaven getragen wurden. Wie in heutiger Zeit ein Faschingsprinzenpaar, wurde schon damals ein rex bibendi („König des Trinkens") gewählt und Herren bedienten ihre Sklaven.

Im 12. Jahrhundert wurden Narrenfeste in Europa am 6. Januar, dem Dreikönigstag, gefeiert. Auch hier übernahmen niedere Kleriker Rang und Privilegien von Bischöfen und Kardinälen. Die Kirche selbst parodierte ihre Rituale und ein Pseudopapst wurde ausgerufen. Später wurde zum selben Zeitpunkt der „Bohnenkönig" gekührt, der in aberwitziger Weise sein Reich regierte. Heute ist die Tradition des Bohnenkönigs vor allem in französischsprachigen Regionen (Frankreich, Schweiz, Kanada) noch bekannt.

Die heutigen Namen des Festes beziehen sich auf die Einleitung der Fastenzeit: Karneval = lateinisch „carne vale" = „Fleisch, lebe wohl"; Fastnacht = Die Nacht, in des das Fasten beginnt; Und Fasching von „Vaschang" (Fastenschank = dem letzten Ausschank alkoholischer Getränke).

Das grundlegende Ritual aber ist die Zeit des Chaos. Die Gesetze der materiellen Welt sind aufgehoben, die Geister brechen sich Bahn (ähnlich wie zum keltischen Samhain, das ja im Angelsächsischen ebenfalls zum karnevalähnlichen Halloween führte). Die Natur bedarf dieses Urchaos, um sich und seine Kräfte neu ordnen zu können. Durch das Annehmen einer Maske, übernehmen die Menschen die Rolle der Urkräfte, sie inkorporieren sozusagen die Geister. Besonders eindrücklich wird dies in den heute noch üblichen Glöckler-, Perchten- und Krampusläufen im Alpenraum. Das Aussetzen menschlicher Gesetze erlaubt zugleich den höheren geistigen Impulsen in das Menschheitskollektiv hineinzuwirken. Der Rausch ist dabei hilfreich, weil jede Schranke der Vernunft dabei fällt. Das ist durchaus nicht nur harmlos.

Das Urchaos ist Grundlage unserer Existenz und die Mythen der Völker kennen jene Zeit, in der es sich wieder Bahn bricht. So erwarteten die Germanen den Weltuntergang Ragnarök: Die Wölfe Skali und Hati verschlingen die Sonne, der Fenriswolf sprengt seine Ketten und die Midgardschlange kriecht an Land, so dass es dadurch überflutet wird: Das Urchaos. Diesem Urchaos letztlich zu huldigen, ist Sinn der Narrenfeste. Erst im Chaos der Ursuppe konnte das Leben entstehen. So dienen die Feste, bei denen die Gesetze Kopf stehen, letztlich dem rituellen Erhalt der Erde und des Kosmos.

 

 

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