Der Vogel und die Schlange



Ein Adler trägt eine Schlange in die LüfteVogel und Schlange sind zwei in unzählichen Mythen und symbolischen Darstellungen auftauchende Antipoden. So gehört der Kampf eines Adlers mit einer Schlange zum Staatswappen Mexikos. Der Legende nach führte der Gott Huitzilopochtli die Azteken zu einem neuen Siedlungsort in Gestalt eines Adlers. Dort, wo die Hauptstadt des neuen Reiches - Tenochtitlan - liegen sollte, tötete der Adler eine Schlange und fraß diese auf einem Feigenkaktus. Der indigene Mythos ist bis heute u.a. auf den Münzen Mexikos verewigt.

Die beiden polaren Kräfte befinden sich im allgegenwärtigen Austausch. Der Vogel – meist ein Adler – steht für die geistige oder kosmische („uranische") Ebene, die Schlange dagegen für die irdisch-chthonische und damit auch die Lebenskraft selbst. Das schamanische Urprinzip der polaren Kräfte ist so mexikanische Münze: Adler und Schlangegrundlegend, dass der Mythos weltweit auftritt, verschieden ist nur, welches der beiden Tiere zum Vorbild genommen wird: Der legendäre Gründer des Taijiquan Zhang Sanfeng soll ein daoistischer Mönch gewesen sein. Einst beobachtete er den Kampf eines Vogels mit einer Schlange. Wann immer der Vogel mit seinem Schnabel zustieß, gab die Schlange weich nach, so konnte er die Schlange nicht verletzen. Hier wurde die Schlange zum Vorbild für die Kampfkunst des Taijiquan, der erdzugewandten Philosophie des Daoismus entsprechend.

In der Edda stehen sich Schlange (Drache) Nidhöggr (der Neidwurm) an den Wurzeln und Adler, der im Wipfel am Weltenbaum Yggdrasil sitzt, gegenüber. Das Kosmische und das Chthonische gehört an der Weltenachse zusammen.

In der indischen Mythologie verschmelzen beide als Shesha und Garuda zur „Schlange Endlos", einem vogelartigen Mischwesen. Im alten Ägypten, wird der Geier Oberägyptens und die Kobra Unterägyptens in der Herrschersymbolik vereint: Der Pharao als Herr beider Welten – Ober- und Unterägyptens, aber auch Kosmos und Erde! Der Gott Hermes trug die Vogelflügel an Helm und Sandalen, die Schlangen an seinem Stab. Verbunden mit Kosmos und Erde wird er zum Seelenführer, der die Seele durch die Reiche leitet, die Psychopompos-Arbeit eines Schamanen. Als Hermes Trismegistos wird er zum Sinnbild der Magie: Wer Vogel und Schlange in sich vereint, wird zum Herrn über Geist und Materie. Im geflügelten, schlangenumwundenen Hermesstab (Caduceus) wird diese Magie zum ganzheitlichen Symbol der magischen Kraft, die der Mensch in sich trägt: Schlange, Vogelflügel und Weltenachse. Es gehört zur Pervertierung menschlicher Gier, dass ausgerechnet dieses Symbol heute für „freien Handel" steht und damit ein Grundsymbol des Kapitalismus wurde.

Hermes Trismegistos und Caduceus

Erst im Christentum, wird aus dem Adler „gut" und aus der Schlange „böse". Grundlegender ist das Umringen der beiden polaren Kräfte in unserem Leben. In schamanischen Reisen und Trancen wird dieser grundlegende „Tanz" erlebbar. Jeremy Narby hielt die in der Ayahuasca-Erfahrung erlebte Leiter und Schlange, die „kosmische Schlange", für eine mythische Spiegelung unserer DNS: Geist und Materie in unserer Grundstruktur.

 

 


Bilder:
Titelbild, Mexikanische Münze, Caduceus © fotolia
Hermes Trismegistos gemeinfrei

 


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